Das Schaf, die Füchsin und der Wolf
Eines Tages ging ein kleines Schaf in einem weißen Wollumhang durch das Dorftor und machte sich auf den Waldweg. Am Morgen hatte das Gatter am Schafgehege…
Eines Tages ging ein kleines Schaf in einem weißen Wollumhang durch das Dorftor und machte sich auf den Waldweg. Am Morgen hatte das Gatter am Schafgehege schief gestanden, und alle hatten voreilig angenommen, das Schaf habe dagegen gestoßen. Dabei hatte sich durch den Regen nur ein Scharnier gelockert. Das Schaf war gekränkt und ging zur Wiese, um sich zu beruhigen und zu überlegen, wie es alles ohne Streit erklären könnte.
Bei einem Birkenhain begegnete es einer Füchsin mit einem Korb voller Beeren. Auch der Füchsin hatte man vor Kurzem Vorwürfe gemacht, weil das Bändchen einer Henne verschwunden war. Dabei hatte der Wind es auf einen Busch geweht. Die Füchsin hörte dem Schaf zu und sagte: „Wenn man dich missverstanden hat, tut es besonders gut, jemanden an deiner Seite zu haben, der dir aufmerksam zuhört.“ Sie beschlossen, gemeinsam zum Förster zu gehen. Er konnte Missverständnisse aller Art in Ruhe klären.
An einer Wegbiegung tauchte ein grauer Wolf auf. Er sah den warmen weißen Umhang an und behauptete plötzlich, er habe früher ihm gehört. Das Schaf war überrascht, doch die Füchsin fing keinen Streit an. Sie fragte, wie groß der Umhang gewesen sei, wer ihn genäht habe und warum das Zeichen der Schafherde darauf gestickt sei. Der Wolf wusste keine Antwort, wollte seinen Irrtum aber noch nicht zugeben.
Die Füchsin schlug vor, durch das hölzerne „Tor der Wahrheit“ beim Häuschen des Försters zu gehen und dort alles noch einmal der Reihe nach zu erzählen. Der Wolf eilte als Erster hindurch. Dabei blieb der Riemen seiner leeren Tasche an einem glatten, runden Pflock hängen. Der Riemen hielt die Tasche sanft zurück, und der Wolf blieb stehen, um ihn in Ruhe zu lösen. Da bemerkte er gleich daneben einen Korb mit Wollknäueln für alle Waldbewohner.
Der Förster kam zurück, half ihm, den Riemen abzunehmen, und erklärte: Man könne um ein warmes Kleidungsstück bitten oder etwas dafür eintauschen, aber man dürfe fremde Sachen nicht einfach zu seinen eigenen erklären. Der Wolf war verlegen, entschuldigte sich und suchte ein Wollknäuel für einen neuen Schal aus. Dann kehrten die drei zum Dorfgatter zurück. Der Förster zog das Scharnier fest, der Besitzer des Schafs bat es um Verzeihung, und die Füchsin fand das vom Wind verwehte Bändchen auf dem Busch. Der Abend endete mit einem friedlichen gemeinsamen Tee im Hof.