Die weissagende Eiche
In einem Dorf lebten Fjodor und Darja. Sie sorgten füreinander, stritten sich aber in letzter Zeit oft über die Hausarbeit. Fjodor war von der Feldarbeit müde…
In einem Dorf lebten Fjodor und Darja. Sie sorgten füreinander, stritten sich aber in letzter Zeit oft über die Hausarbeit. Fjodor war von der Feldarbeit müde und schwieg, während Darja sich ärgerte, dass niemand ihre Mühe bemerkte. Im Wald stand eine alte Eiche mit einer großen Höhlung. Die Nachbarn sagten, der Baum wiederhole Wahrheiten, die ein Mensch längst kenne, aber nicht auszusprechen wage.
Fjodor und Darja gingen gemeinsam zur Eiche und setzten sich an die große Höhlung. Sie erzählten laut, warum es ihnen schwerfiel, sich zu einigen. Die Blätter raschelten: „Trickst einander nicht aus und lasst keinen Groll anwachsen. Kocht euren Lieblingsbrei, backt Pfannkuchen, setzt euch nebeneinander und sagt offen, welche Hilfe ihr braucht.“ Darja bat ihren Mann, ihre Arbeit öfter wahrzunehmen. Fjodor versprach, Wasser zu holen, Holz zu hacken und ihr aufmerksam zuzuhören.
Am Abend stellte Darja Milchbrei, Pfannkuchen und saure Sahne auf den Tisch. Fjodor brachte Holzscheite, reparierte eine wackelige Bank und schlug vor, gemeinsam zu Abend zu essen. Am Tisch stellten sie zum ersten Mal in Ruhe eine Aufgabenliste auf: Wer füttert die Hühner, wer geht zur Mühle, und was lässt sich besser gemeinsam erledigen? Fjodor gab zu, dass er Darjas Arbeit früher kaum gesehen hatte, und bedankte sich bei ihr.
Am nächsten Tag lud Darja Freunde ein, vergaß aber, ihrem Mann Bescheid zu sagen. Das Essen reichte nicht für alle. Statt zu streiten, holten die Gäste Beeren, Mehl und Honig von zu Hause. Einer heizte den Ofen an, ein anderer rührte den Teig, Fjodor schenkte ein Getränk aus Beeren ein, und Darja backte einen neuen Berg Pfannkuchen. Der unerwartete Besuch wurde zu einem fröhlichen gemeinsamen Abendessen, ohne Ärger und Hektik.
Am Morgen gingen die Eheleute erneut zur weissagenden Eiche und banden zum Dank ein Band an einen Ast. In der Höhlung hinterließen sie kein Geschenk, sondern ein kleines Holzbrett mit freundlichen Worten für den nächsten Wanderer. Daneben stellten sie eine Bank auf, damit Menschen in Ruhe miteinander sprechen konnten. Von da an besprachen Fjodor und Darja ihre Pläne im Voraus, teilten die Aufgaben und scherzten, die Eiche sage denen eine bessere Zukunft voraus, die einander zuhören könnten.