Die geschwätzige alte Frau
In einem blühenden Dorf lebte eine ältere Frau, die sehr gern redete. Beim Frühstück erzählte sie ihrem Mann und ihrer erwachsenen Tochter so viele Geschichten,…
In einem blühenden Dorf lebte eine ältere Frau, die sehr gern redete. Beim Frühstück erzählte sie ihrem Mann und ihrer erwachsenen Tochter so viele Geschichten, dass der Tee darüber kalt wurde. Eines Tages wollte die Tochter ihre Tante besuchen, die hinter dem Wald wohnte. Die Mutter gab ihr zehn Ratschläge auf einmal. Der Vater lächelte und bat sie nur, sich unterwegs Zeit zu lassen.
Bis zum Mittag hatte die junge Frau das kleine Waldhaus sicher erreicht. Die freundliche ältere Tante wartete schon am offenen Gartentor. Sie umarmten sich, trugen den Korb ins Haus und prüften auf einer Karte den Rückweg. Die Sonne schien, und zwischen den Bäumen war ein breiter, vertrauter Pfad zu sehen.
Am Abend kam ein Kaufmann zum Haus, den unterwegs der Regen überrascht hatte. Die Tante bat ihn herein, damit er sich aufwärmen konnte, und die junge Frau stellte eine Schüssel Hirsebrei und zwei Löffel auf den Tisch. Der Kaufmann erzählte, dass an einer Weggabelung der Wegweiser umgefallen sei. Deshalb kenne er den kurzen Weg zum Jahrmarkt nicht. Die junge Frau hörte aufmerksam zu und erinnerte sich an alle Wegzeichen, die sie unterwegs gesehen hatte.
Am Morgen begleitete sie den Kaufmann zum Gartentor und erklärte ihm den Weg: an zwei Birken vorbei, am Bach nach rechts und bei der roten Eberesche auf die große Straße. Zum Dank schenkte er ihr ein zusammengelegtes besticktes Tuch und ein kleines Brot. Die junge Frau hatte keine Belohnung verlangt, nahm die Geschenke aber an, um den Gast nicht zu kränken.
Bei Sonnenuntergang kam die junge Frau nach Hause. Die Mutter eilte durch das Gartentor und umarmte sie, während der Vater lächelnd half, den Korb auf der Veranda abzustellen. Kurz darauf kam der Kaufmann. Er wollte sich noch einmal bedanken und der Tante Grüße ausrichten lassen. Die Mutter begrüßte den Gast herzlich, ließ aber zuerst ihre Tochter in Ruhe zu Ende erzählen. Die junge Frau zeigte das bestickte Tuch, teilte das Brot unter den vier Anwesenden auf und berichtete von ihrer Tante und dem Reisenden. Diesmal unterbrach die gesprächige Mutter sie nicht. Sie hatte verstanden, dass es im Gespräch manchmal vor allem darauf ankommt, dem anderen zuzuhören.