Der Wahrsager
Es lebte einmal ein armer, aber gerissener Bauer mit dem Spitznamen Käferchen. Er stahl einer Frau ein Stück Leinen und versteckte es in einem Strohhaufen, dann…
Es lebte einmal ein armer, aber gerissener Bauer mit dem Spitznamen Käferchen. Er stahl einer Frau ein Stück Leinen und versteckte es in einem Strohhaufen, dann prahlte er, er sei ein Meister im Wahrsagen. Die Frau kam zu ihm und bat ihn, für sie die Zukunft zu deuten. Der Bauer fragte:
— Was gibst du mir für meine Arbeit?
— Ein Pud Mehl und ein Pfund Butter.
— Gut!
Er tat, als würde er wahrsagen, und sagte ihr schließlich, wo das Leinen versteckt war. Zwei oder drei Tage später verschwand der Hengst eines Gutsherrn. Derselbe Schelm hatte ihn fortgeführt und im Wald an einen Baum gebunden. Der Gutsherr ließ den Bauern holen. Der Bauer stellte sich wieder, als wahrsage er, und sagte: »Geht schnell! Der Hengst ist im Wald an einen Baum gebunden.« Man holte den Hengst aus dem Wald. Der Gutsherr gab dem Wahrsager hundert Rubel, und sein Ruf verbreitete sich im ganzen Reich.
Zum Unglück verschwand nun der Trauring des Zaren. Man suchte und suchte, doch er war nirgends zu finden. Der Zar ließ den Wahrsager holen und so schnell wie möglich in den Palast bringen. Man setzte ihn in einen Wagen und brachte ihn zum Zaren. »Jetzt hat es mich erwischt«, dachte der Bauer. »Wie soll ich herausfinden, wo der Ring geblieben ist? Wenn der Zar zornig wird, schickt er mich womöglich dorthin, wohin Makar nicht einmal seine Kälber trieb!«
— Sei gegrüßt, Bäuerlein — sagte der Zar. — Weissage für mich. Errätst du es, belohne ich dich mit Geld; wenn nicht, gehört das Schwert mir und dein Kopf fällt von den Schultern!
Sogleich befahl er, dem Wahrsager ein eigenes Zimmer zu geben: »Er soll die ganze Nacht wahrsagen, damit die Antwort bis zum Morgen bereit ist.«
Der Wahrsager saß in diesem Zimmer und dachte: »Welche Antwort soll ich dem Zaren geben? Besser warte ich bis tief in die Nacht und fliehe, wohin meine Augen mich tragen. Sobald die Hähne zum dritten Mal gekräht haben, mache ich mich davon!« Den Ring des Zaren hatten drei Diener gestohlen: der Lakai, der Kutscher und der Koch. »Was machen wir, Brüder«, sagten sie zueinander, »wenn dieser Wahrsager uns erkennt? Dann ist unser Tod gewiss … Lasst uns an seiner Tür lauschen. Weiß er nichts, schweigen auch wir. Erkennt er uns aber, bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn anzuflehen, uns beim Zaren nicht zu verraten.«
Der Lakai ging lauschen. Plötzlich krähten die Hähne, und der Bauer sagte:
— Ehre sei dir, Herr! Einer ist schon da, auf zwei muss ich noch warten.
Dem Lakai rutschte das Herz in die Hose. Er lief zu seinen Gefährten zurück:
— Ach, Brüder, er hat mich erkannt! Kaum war ich an der Tür, da rief er: Einer ist schon da, auf zwei muss ich noch warten!
— Warte, jetzt gehe ich! — sagte der Kutscher und ging lauschen.
Die Hähne krähten zum zweiten Mal, und der Bauer sagte:
— Ehre sei dir, Herr! Nun sind zwei da, auf einen muss ich noch warten.
— Ach, Brüder, auch mich hat er erkannt.
Der Koch sagte:
— Wenn er auch mich erkennt, gehen wir direkt zu ihm, werfen uns ihm zu Füßen und flehen ihn an.
Der Koch ging lauschen. Die Hähne krähten zum dritten Mal, und der Bauer bekreuzigte sich:
— Gott sei Dank, nun sind alle drei da! — Er eilte zur Tür und wollte fliehen, doch die Diebe kamen ihm entgegen, fielen ihm zu Füßen und baten und flehten:
— Richte uns nicht zugrunde und verrate uns nicht beim Zaren; hier hast du den Ring!
— Nun gut, ich vergebe euch!
Der Bauer nahm den Ring, hob eine Bodendiele an und warf ihn unter den Fußboden. Am Morgen fragte der Zar:
— Nun, Bäuerlein, wie steht es um deine Sache?
— Ich habe es herausgefunden: Dein Ring ist unter diese Bodendiele gerollt.
Man hob die Bodendiele an und holte den Ring hervor. Der Zar belohnte den Wahrsager großzügig mit Geld und befahl, ihm so viel zu essen und zu trinken zu geben, wie er nur wollte. Dann ging er selbst im Garten spazieren. Auf einem Weg sah er einen Käfer, hob ihn auf, schloss ihn in seine Hand und kehrte zum Wahrsager zurück:
— Nun, wenn du ein Wahrsager bist, dann erkenne, was ich in meiner Hand halte!
Der Bauer erschrak und sagte zu sich selbst:
— Nun bist du, Käferchen, dem Zaren in die Hände geraten!
— Ja, ja, du hast recht! — sagte der Zar, belohnte ihn noch reicher und entließ ihn ehrenvoll nach Hause.