Terjoschetschka

Der alte Mann und die alte Frau hatten ein schweres Leben! Ein ganzes Menschenalter hatten sie miteinander verbracht, ohne Kinder zu bekommen. In jungen Jahren…

Der alte Mann und die alte Frau hatten ein schweres Leben! Ein ganzes Menschenalter hatten sie miteinander verbracht, ohne Kinder zu bekommen. In jungen Jahren hatten sie sich noch irgendwie durchgeschlagen; nun waren beide alt, und es gab niemanden, der ihnen auch nur etwas zu trinken reichen konnte. So grämten sie sich und weinten. Da machten sie einen kleinen Holzklotz, wickelten ihn in eine Windel, legten ihn in eine Wiege und begannen ihn zu schaukeln und in den Schlaf zu singen. Anstelle des Holzklotzes wuchs in den Windeln ein Sohn heran, Terjoschetschka, ein wahrer kleiner Schatz! Der Junge wuchs und wurde verständig. Sein Vater baute ihm ein kleines Boot. Terjoschetschka fuhr zum Fischen hinaus, und seine Mutter brachte ihm Milch und Quark. Sie kam gewöhnlich ans Ufer und rief:

»Terjoschetschka, mein Söhnchen! Komm, komm ans Ufer gefahren; ich, deine Mutter, bin gekommen und habe Milch mitgebracht.«

Terjoschetschka hörte ihre Stimme schon von Weitem, fuhr ans Ufer, schüttete die Fische aus, aß und trank sich satt und fuhr wieder zum Fischen hinaus.

Einmal sagte seine Mutter zu ihm:

»Mein lieber Sohn! Sei vorsichtig: Die Hexe Tschuwilicha lauert dir auf. Lass dich nicht von ihr in die Klauen bekommen.«

Damit ging sie fort. Tschuwilicha aber kam ans Ufer und rief mit schrecklicher Stimme:

»Terjoschetschka, mein Söhnchen! Komm, komm ans Ufer gefahren; ich, deine Mutter, bin gekommen und habe Milch mitgebracht.«

Terjoschetschka erkannte sie und sagte:

»Weiter, weiter, mein kleines Boot! Das ist nicht die Stimme meiner lieben Mutter, sondern die der bösen Hexe Tschuwilicha.«

Tschuwilicha hörte es, lief davon, fand einen kundigen Meister und verschaffte sich eine Stimme wie die von Terjoschetschkas Mutter. Dann kam die Mutter und begann, ihren Sohn mit feiner Stimme zu rufen:

»Terjoschetschka, mein Söhnchen, komm, komm ans Ufer gefahren.«

Terjoschetschka hörte es und sagte:

»Näher, näher, mein kleines Boot! Das ist die Stimme meiner lieben Mutter.«

Seine Mutter gab ihm zu essen und zu trinken und schickte ihn wieder zum Fischen hinaus.

Da kam die Hexe Tschuwilicha und sang mit der erlernten Stimme, genau wie seine liebe Mutter. Terjoschetschka täuschte sich und fuhr heran. Sie packte ihn, steckte ihn in einen Sack und raste davon. Sie brachte ihn zu einer Hütte auf Hühnerbeinen und befahl ihrer Tochter, ihn zu braten; dann eilte sie wieder davon, um weitere Beute zu beschaffen. Terjoschetschka war kein dummes Kerlchen und ließ sich von dem Mädchen nicht bezwingen. Statt seiner setzte er sie zum Braten in den Ofen und kletterte selbst auf eine hohe Eiche.

Tschuwilicha kam zurückgelaufen, sprang in die Hütte, aß und trank sich satt, ging auf den Hof hinaus, rollte sich hin und her und sagte immer wieder:

»Ich rolle mich herum, ich wälze mich herum, nachdem ich Terjoschetschkas Fleisch gegessen habe!«

Von der Eiche herab rief er ihr zu:

»Roll dich herum, wälz dich herum, Hexe, nachdem du das Fleisch deiner eigenen Tochter gegessen hast!«

Als sie das hörte, hob sie den Kopf und blickte in alle Richtungen, doch da war niemand. Wieder stimmte sie an:

»Ich rolle mich herum, ich wälze mich herum, nachdem ich Terjoschetschkas Fleisch gegessen habe!«

Er antwortete:

»Roll dich herum, wälz dich herum, Hexe, nachdem du das Fleisch deiner eigenen Tochter gegessen hast!«

Sie erschrak, sah hin und erblickte ihn auf der hohen Eiche. Sie sprang auf und stürzte zum Schmied:

»Schmied, Schmied! Schmiede mir ein kleines Beil.«

Der Schmied schmiedete ein kleines Beil und sagte:

»Hacke aber nicht mit der Schneide, sondern mit dem stumpfen Rücken.«

Sie gehorchte, schlug und schlug, hackte und hackte, doch richtete nichts aus. Da warf sie sich gegen den Baum und verbiss sich mit den Zähnen darin; der Baum begann zu krachen.

Am Himmel flogen Gänse-Schwäne. Terjoschetschka sah die Gefahr und die Gänse-Schwäne und flehte sie an, ihn zu retten:

Gänse-Schwäne, nehmt mich mit,

setzt mich auf eure Flügel,

bringt mich zu Vater und Mutter;

dort wird man euch zu essen und zu trinken geben.

Die Gänse-Schwäne antworteten:

»Ga-ga! Dort hinten fliegt eine andere Schar, die hungriger ist als wir. Sie wird dich mitnehmen und hinbringen.«

Die Hexe nagte weiter, sodass nur die Späne flogen, und die Eiche krachte und schwankte. Eine andere Schar kam angeflogen. Terjoschetschka rief wieder:

»Gänse-Schwäne! Nehmt mich mit, setzt mich auf eure Flügel und bringt mich zu Vater und Mutter; dort wird man euch zu essen und zu trinken geben.«

»Ga-ga!«, antworteten die Gänse. »Hinter uns fliegt ein gerupftes Gänschen. Es wird dich mitnehmen und hinbringen.«

Das Gänschen kam noch immer nicht, und der Baum krachte und schwankte. Die Hexe nagte eine Weile, blickte dann zu Terjoschetschka hinauf, leckte sich die Lippen und machte sich wieder ans Werk. Jeden Augenblick konnte er zu ihr hinunterstürzen!

Zum Glück kam das gerupfte Gänschen angeflogen und schlug mit den Flügeln. Terjoschetschka bat es inständig und schmeichelte ihm:

»Mein liebes Gänschen, nimm mich mit, setz mich auf deine Flügel und bring mich zu Vater und Mutter; dort wird man dir zu essen und zu trinken geben und dich mit klarem Wasser waschen.«

Das gerupfte Gänschen hatte Mitleid, hielt Terjoschetschka seine Flügel hin, schwang sich auf und flog mit ihm davon. Sie flogen zum Fenster seines lieben Vaters und setzten sich ins Gras. Die alte Frau hatte Blini gebacken, Gäste eingeladen und hielt eine Totenfeier für Terjoschetschka. Sie sagte:

»Dieser ist für dich, lieber Gast, dieser für dich, Alter, und dieser Blini ist für mich!«

Unter dem Fenster meldete sich Terjoschetschka:

»Und für mich?«

»Sieh einmal nach, Alter, wer dort um einen Blini bittet.«

Der alte Mann ging hinaus, sah Terjoschetschka, schloss ihn in die Arme und brachte ihn zu seiner Mutter; da begann ein großes Umarmen! Das gerupfte Gänschen fütterten und tränkten sie gut und ließen es frei. Von da an schlug es mit breiten Flügeln, flog allen anderen voraus und erinnerte sich an Terjoschetschka.

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